Keiner von diesen Korridoren führt nach Amerika. Viele führen ins Labyrinth des Wahnsinns, der Verzweiflung, des Selbstmords, viele an Amerika vorbei, ins alte Land zurück, in die bleierne, endgültige Hoffnungslosigkeit. In all diesen Gitterräumen wohnt das Unglück. Dies ist Ellis Island, die Insel der Pein, des Gerichtes, der missbrauchten Geduld, des nackten Schicksals, des ungerechten Rächers; kein Blake vermöchte den Racheengel zu zeichnen, zu singen, der über Ellis in einer Wolke von Angst, Wimmern, Folter und Gotteslästerung thront all diese Tage, die wir im freien Land verleben.“ (Holitscher 1919, 338)| Ellis Island oder Das Vorzimmer zur Freiheit |
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| Written by Ute Sperrfechter (Paris) | |
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Portraits Das „Mädchen aus der Kocherbergregion“ frontal und im Profil, „Mary Johnson, 50, gekommen als Frank Woodhull, trägt seit 15 Jahren Männerkleider“ im Passfotoformat seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, der „Russische Riese“ abgebildet zwischen zwei normalgroßen Männern, die „Schwedische Frau“ abgebildet mit ihrer aufwändigen Tracht vor dem Wandschirm der Krankenstation, die „Nichtidentifizierte Mutter, zwei Säuglinge haltend“ Über die abgebildeten Personen wissen wir nichts. Die Modelle sind ihrem Kontext entrissen, ihrer Individualität beraubt. Mag der Betrachter auch noch so neugierig werden, wer diese „Slowakische Mutter und ihr Kind“ sein mögen, warum sie gekommen sind und was aus ihnen geworden ist: Die Bilder behalten ihr Geheimnis. Sie zeigen etwas und verdunkeln zugleich, anonyme Massen, die sich aus Europa nach Amerika aufmachen. Jeder mit seinen Gründen und Hoffnungen und Träumen im Kopf. Amerika, die Hoffnung auf ein neues Leben, auf Selbstbestimmung, Freiheit und eine Zukunft. „Mein Feld ist die Welt“. Von Europa nach Ellis Island Ab Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre werden die Auswanderer mit von den hart konkurrierenden Dampfschiffsgesellschaften gecharterten Zügen in die Hafenstädte Europas, Hamburg, Bremen, Le Havre, Neapel, Liverpool... befördert. Hier wird die jeweils aktuelle amerikanische Einwanderungsgesetzgebung auf sie angewandt und ihre Gesundheit überprüft. Ihre Namen werden in die Bordbücher eingetragen, sie erhalten eine Passagiernummer und sind schon kontrolliert und desinfiziert, ihre Herkunft, ihr Zielort, ihr Guthaben und ihre Garanten in den USA sind schon notiert, bevor sie an dem Ort einlaufen, der über ihr weiteres Schicksal entscheiden wird. Als statistisches Dispositiv, das noch heute auf Internetseiten wie ancestry.com abrufbar ist, lässt der Engpass Ellis Island die Massen sichtbar werden, die zu einer bestimmten Zeit die Golden Door passieren mussten, um anschließend mit Amerika zu verschmelzen. Diese Sichtbarkeit besteht nur unter dem Preis der verdunkelten Sichtbarkeit des Einzelnen, seiner Qualen und Hoffnungen. Bei Ankunft der Dampfschiffe im New Yorker Hafen werden die Geschäftsleute, Künstler und Weltreisenden, Reisenden erster und zweiter Klasse noch im Boot von den Inspektoren des Immigration Bureau’s Boarding Division untersucht und daraufhin ohne weitere Prozeduren auf den amerikanischen Kontinent entlassen. Während es nur in seltenen Fällen vorkommt, dass verdächtige Reisende der zweiten Klasse zurückgehalten wurden, kommen die Reisenden der dritten Klasse ausnahmslos nach Ellis Island. Bevor sie die Fähre zur Insel besteigen, werden ihnen Papierstreifen an den Mantel geheftet, deren verschiedenen Farben die unterschiedlichen Dampfschiffgesellschaften signalisieren und auf denen die Passagiernummer, der Name des Dampfschiffes und der Name des Einwanderers vermerkt sind. Die Dampfgesellschaften kommen für die Immigranten auf, die auf Ellis Island zurückbehalten werden – im schlimmsten Fall ebenfalls für ihre Rückkehr nach Europa. Auf der Rückkehr nach Europa soll das Unterdeck der dritten Klasse ausschließlich mit amerikanischen Waren gefüllt sein. Das Geschäft mit den Auswanderern ist nur dann lukrativ, wenn aus ihnen keine Rückkehrer werden. Prozeduren auf Ellis Island Ellis Island, wo die Emigranten landen, ist eine regelrecht industriell durchorganisierte Fabrik. Zwischen 1892 und 1954, dem Jahr, in dem die Insel endgültig geschlossen wird, kamen 12 Millionen Migranten über Ellis Island. Zu Stoßzeiten werden bis zu 5000 Menschen am Tag durch die Hallen von Ellis Island geschleust. Von Hundert werden zwei niemals den amerikanischen Boden erreichen. Bei Ankunft auf der Insel werden die Einwanderer von Ärzten des Public Health Service auf Anzeichen körperlicher oder geistiger Erkrankungen untersucht. Ergibt die medizinische Untersuchung einen Krankheitsverdacht, wird ein weiteres Zeichen auf der Kleidung der Einwanderer hinterlassen: B für back, Ct für trachoma, E für eyes, F für face, H für heart, K für hernia, L für legs, Pg für pregnant, S für senile, X für suspected mental problems or insanity... und eine weitere Untersuchung angefordert, die das Zurückbehalten des Einwanderers und seiner Familie auf der Insel notwendig macht. Wird volle Gesundheit konstatiert, werden die Immigranten in den Registry Room gebracht, eine große Halle, in der den Einwanderern mit Hilfe von Übersetzern die berühmten 30 Fragen gestellt werden. Gefragt wird nach Namen, Beruf, ob der Kandidat lesen und schreiben kann, wie es um seine finanzielle Situation bestellt ist. Aber auch Fragen wie: Sind Sie polygam? oder: Sind Sie Anarchist? Scheinen die Angaben zweifelhaft wird das Board of Special Inquiry angerufen. 20% der Immigranten werden auf diese Weise auf Ellis Island zurückgehalten. (vgl. für die Beschreibung der Prozeduren auf Ellis Island: Mesenhöller 2005).
Immigranten, die die Gesundheits- und Gesinnungskontrolle nicht glücklich passieren, kommen „links ins Fegefeuer, wenn nicht in die Hölle. Sie kommen wieder in vergitterte Zimmer, Hallen, endlose Gänge, Gitterkorridore, die mich augenblicklich an die Schleusen der Chicagoer Schlachthäuser erinnern, durch die die Viehherden zur Schlachtbank gejagt werden. Keiner von diesen Korridoren führt nach Amerika. Viele führen ins Labyrinth des Wahnsinns, der Verzweiflung, des Selbstmords, viele an Amerika vorbei, ins alte Land zurück, in die bleierne, endgültige Hoffnungslosigkeit. In all diesen Gitterräumen wohnt das Unglück. Dies ist Ellis Island, die Insel der Pein, des Gerichtes, der missbrauchten Geduld, des nackten Schicksals, des ungerechten Rächers; kein Blake vermöchte den Racheengel zu zeichnen, zu singen, der über Ellis in einer Wolke von Angst, Wimmern, Folter und Gotteslästerung thront all diese Tage, die wir im freien Land verleben.“ (Holitscher 1919, 338)Wiederbegegnung mit dem Photographen Hier, an diesem von dem Journalisten Arthur Holitscher Anfang des 20. Jahrhunderts mit Grauen beschriebenen Ort, treffen wir unseren Photographen wieder. Augustus Frederik Sherman war Angestellter der Executive Division of the Bureau of Immigration auf Ellis Island und Amateurphotograph. Fast nichts ist uns über sein Leben bekannt und noch weniger über die Gründe, die ihn dazu bewogen, von den auf Ellis Island zurückgehaltenen Einwanderern Photos zu machen. Denn das photographische Registrieren ist eigentlich nicht Teil der Prozedur, die zu durchlaufen ist, um auf dem amerikanischen Boden zugelassen zu werden. Als Sekretär des Commissioner hat Sherman jedoch einen privilegierten Zugang zu den auf Ellis Island zurückgehaltenen Personen, um mit der nötigen Zeit einige besonders interessante Fälle zu dokumentieren. Sherman interessiert sich indes nicht für Individuen und ihre Geschichte, vielmehr richtet sich sein Blick – fasziniert und erschrocken zugleich – auf das Allgemeine, auf den Typ. Was ich sehen kann Der tätowierte blinde Passagier aus Deutschland, dessen sorgfältig gescheitelten Stirnlocken sich in den Bewegungen der Tattoos widerspiegeln, weiß bereits, dass er nach Europa zurückgeschickt werden wird. Vor dem Photographen muss er sich entkleiden und seinen Körper bloßstellen. Seine Tracht ist sein bemalter Körper, sein Gesicht entspricht dem teutonic type, einem der drei europäischen Rassentypen, die Ende des 19. Jahrhunderts identifiziert werden. Man hat ihn wohl gebeten, seine Arme zu verschränken, um seine Tätowierungen zur Geltung zu bringen. Noch verzweifelter ist das Ringen der „Unidentifizierten Männer, vermutlich mit Bauernhänden“ um Würde. Da stehen sie steif mit ihren viel zu kurzen Ärmeln, mit groben Stiefeln und verschmutzten Jacken, die Hüte in ihren riesigen Händen, die das Arbeiten gewöhnt sind. In einer fremden Umgebung, die sie sich nicht aneignen können. Sie posieren andächtig und geflissentlich. Wird ihre augenscheinliche Arbeitskraft ausreichen, um in Amerika ein neues Leben anfangen zu können? Oder ist ihre offensichtliche Armut der Grund für ihren Aufenthalt auf Ellis Island und ihre Rückbeförderung auf den alten Kontinent nah? Von dem „Mädchen aus der Kochersberggegend“ gibt es zwei Bilder, eines frontal und eines im Profil. Beide Photos sind gänzlich glatt. Das Mädchen trägt ihre Tracht mit einer schwarzen riesigen Haube. Wie hat sie diese Haube so makellos über den Ozean gebracht? Hat unser Photograph sie gebeten, sich damit zu schmücken oder trug sie die Haube schon auf Ellis Island, um ein letztes Mal ihr Eigenes, ihre Kultur, ihren Ursprung zu zeigen, bevor sie in der Masse der Amerikaner verschwindet? Der Hintergrund der Photographie ist neutral. Das Protokoll des Identitätsphotos, der anthropometrischen Photographie ist peinlichst eingehalten. Sherman zeigt den „Typ“, das Allgemeine an diesem Mädchen, ihre Rasse. Sie hat Glück, ihr Typ ist erwünscht, er erscheint kompatibel mit dem Bild, das Amerika von sich selbst hat. Faszination und Schrecken Sherman ist offensichtlich fasziniert von der Vielfalt und Schönheit der Trachten und Typen auf Ellis Island. Er hält sie ein letztes Mal fest, bevor sie in Amerikas Modernität aufgehen. In diese Faszination spielt leichtes Entsetzen hinein: Diesen elenden Massen sollen wir den Zugang nach Amerika gewähren? Die herrschende Vorstellung über den Immigranten lässt sich an den Gesichtern nachgerade ablesen. In Shermans Photographien verdichten sich sämtliche xenophobe Tendenzen, die Amerika vor dem „rassischen Selbstmord“ zu schützen suchen.
Auf vielen Photographien lässt Sherman zwei oder gar drei Personen gleicher Herkunft mit den gleichen Trachten posieren, um der Einheit Ausdruck zu verleihen. Im Geiste des Betrachters brauchen diese Portraits nur noch übereinander gelegt werden, um den Galtonschen Typus zu produzieren, dessen Praxis des Übereinanderschichtens in Shermans Bildern nachhallen.
Marge de manœuvre Der Grund warum die Photographien trotz ihrer Gewaltsamkeit nach wie vor faszinieren, liegt genau in der kaum merklichen Verschiebung im vorgesehenen Protokoll, in dem Riss, in dem sich die Unruhe und Fragen des Betrachters verfangen. Die Unruhe liegt in der Frage nach der marge de manœuvre der Photographierten. Ihrer mehr oder weniger großen Freiheit, aus Europa aufzubrechen und ein in Amerika ein völlig neues Leben zu beginnen. Die Bereitschaft, die Unwägbarkeiten dieses in ganz Europa gefürchteten Ellis Island auf sich zu nehmen. Und schließlich die Bereitschaft, dort zu posieren. Die abgebildeten Personen auf Shermans Photos gehören zu genau den 20% der Einwanderer, die aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Insel zurückbehalten wurden. Hier sollten sie photographiert werden. Hier sollten sie einem Amateurphotographen Modell stehen, der zugleich ein Angestellter der Immigrationsverwaltung ist. Eine solche Anfrage lässt sich unter diesen Umständen wohl nur schwerlich ablehnen. Die Pose als aktive Umformung des Körpers, das Beiwohnen des Subjektes an seiner eigenen Objektwerdung, wie Roland Barthes den Vorgang des Photographiertwerdens beschreibt (Barthes 1989, 22), ist eingeschränkt und zugleich liegt darin vielleicht die winzige marge de manœuvre der photographierten Personen, deren Schicksal zum vernachlässigbaren Rest wird. Die Vermutung liegt nahe, dass die Pose durch die Bildkonventionen der Zeit und das anthropometrische Protokoll des Photographen weitgehend vorgegeben ist. Das Bild ist ein gestohlener Schnappschuss und nicht für den Abgebildeten gedacht. Nicht nur das Gelingen das Bildes - das reale Geschick der Person liegt in den Händen des Photographen / Angestellten. Sherman Photos denunzieren nicht, sie affirmieren vielmehr. Nicht etwa die Singularität des Dargestellten, sondern die Rasterungen des Verwaltungsapparats. Dem kann das Modell einzig und allein den Willen, wenigstens „ein schönes Bild abzugeben“, eine Pose entgegensetzen. „ein gutes Bild abgeben“ Es ist jene Solidarität der photographischen Technik mit der buchstäblich unhaltbaren Situation dieser zurückgehaltenen Einwanderer, die möglicherweise nie zu solchen werden, die auf den Bildern zum Ausdruck kommt: Die Migranten sitzen an einem Nicht-Ort irgendwo zwischen Europa und Amerika fest, wo sie etikettiert, sortiert, selektioniert werden. Nach allen Kennzeichen, die ihnen angeheftet wurden, nach allen Kreidezeichen, die auf ihren Mänteln hinterlassen wurden, nach der Drangsal der Begaffung durch New Yorks Einheimische, die ab den 1920er Jahren an Sonn- und Feiertagen das Einwanderungsspektakel von den Balustraden der großen Halle aus beobachten konnten, werden sie photographiert. Woher kommt Shermans Bedürfnis, die Verobjektivierung der Menschen auf Ellis Island im Medium der Photographie zu verdoppeln? Warum schafft er Beweise und Zeugnisse dieser Behandlung, die uns nun zugänglich sind? Verdunkelt sind nicht nur die persönlichen Geschichten und Träume der abgebildeten Personen, sondern schon die Tatsache, dass sie mehr sind als nur eine Registriernummer auf dem Dampfschiff oder ein potentiell schädliches Element für die Gesellschaft der Vereinigten Staaten. Sichtbar wird in den Photographien, ihrer scheinbaren Direktheit zum Trotz, das unendliche Hysterische Geschichte Wenn Geschichte hysterisch ist, sie also – wie Roland Barthes bemerkt (Barthes 1989, 75) – erst dann Gestalt annimmt, wenn man sie betrachtet, dann bleibt noch die Frage, warum diese Photos heute durch ganz Europa touren. Wie kommt es, dass dieser Teil der Einwanderungsgeschichte Amerikas heute auf diese Weise sichtbar wird? Wiederentdeckt wurden die Photos im Zuge des wachsenden Interesses der amerikanischen Öffentlichkeit an der Einwanderungsgeschichte des Landes Ende der 1960er Jahre. Nancy Green führt in ihrem Artikel „History at large. A French Ellis Island?“ (Green 2007) das Bedürfnis nach Rehabilitation der amerikanischen Nationalerzählung nach dem Trauma in Vietnam und „ethnic renaissance“, die Suche nach den eigenen Wurzeln für das plötzliche Interesse für Ellis Island und seine Geschichte an. Die Insel wird zu einem nationalen Denkmal und 1976 dem Publikum wieder zugänglich gemacht. Anfang der 1990er Jahre wird schließlich das Ellis Island Museum mit großem Erfolg eröffnet. Green zufolge kam allerdings selbst in der Ellis Islands Hochzeit (1892 bis 1924) gut ein Viertel der europäischen Emigranten in anderen Hafenstädten Amerikas an. Es gab da zum einen die europäischen Auswanderer, die sich die erste Klasse leisten konnten. Zum anderen die asiatischen Migranten, die durch den bis vor kurzem gänzlich unbekannte Engpass Angel Island bei San Francisco in die Vereinigten Staaten kamen. Lateinamerikanische Einwanderer kamen wiederum auf gänzlich anderem Wege in den USA an. Herausgegriffen aus den vielen erzählbaren wurde jedoch die Geschichte Ellis Islands. Die plötzliche Sichtbarkeit dieser Engstelle Ellis Island und die Umwandlung ihrer Geschichte in einen nationalen Mythos, ist die Bedingung für die nachträgliche Sichtbarkeit der abgebildeten Personen auf den Photographien Augustus F. Shermans. Eine vierte posthume Sichtbarkeit, die wiederum nur um den Preis einer Verdunklung ganz anderer Dimensionen von Geschichte zu haben ist...
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vor der Freitreppe, die „Roma-Familie“, frei, furchtlos, bewegt und sich nicht dem Protokoll des Photographen fügend, vor dem Gebäude der Träneninsel, island of tears, isola delle lagrime – Ellis Island.
Mit den Photographien Augustus F. Shermans stimmt etwas nicht. Die Schönheit der Portraits hat Risse. Sie machen sichtbar und unsichtbar.
Die „Protestantische Frau aus Zuid-Beveland“, die „Griechische Frau“, der „Blinde Passagier aus Deutschland“: Das Protokoll von Pose und Aufnahme, frontal, im Profil mit neutralem Hintergrund, für das Alphonse Bertillon ein halbes Jahrhundert früher in der Pariser Polizeipräfektur einen Stuhl erfunden hatte, wird eingehalten, wenn auch nicht immer genau.
Oder ist diese Haltung ein Zeugnis seiner Verteidigung, seiner Abwehr, seiner Rebellion, ebenso wie sein bestimmter Blick? Wie heißt er? Was ist aus ihm geworden? Aus seinem Traum, in Amerika ein neues Leben anzufangen?
Mit gleicher Hingabe widmet sich Sherman den Monstern, Riesen und Zwergen, den verkümmerten siamesischen Zwillingen und abnormen Körpern, die zu dieser Zeit in Zirkusarenen ausgestellt werden. Die Herangehensweise ist die Gleiche: es geht immer um das Andere, um die Konstruktion von Alterität durch eine systematische Reduzierung auf den Körper, der durch standardisierte kulturelle Accessoires, wie Trachten und Musikinstrumente zum normierten oder deformierten wird. Die sichtbare Evidenz des Körpers schafft die sichtbare Evidenz des Diskurses. Sichtbarkeit unter dem Zeichen der Statistik und Norm, der Kontrolle und Selektion.
Machtgefälle zwischen Photographiertem und Photographen. Aber sichtbar wird zugleich auch der Versuch, in der Pose Würde zu wahren, die marge de manœuvre des Abgebildeten, trotz allem ein „gutes Bild abgeben“ und vielleicht Ellis Island doch in die richtige Richtung zu verlassen. Bei aller Inszenierung entgleitet Sherman stets etwas, das auf die Unerschöpflichkeit des Anderen, auf seine Unkontrollierbarkeit, verweist. Nach der administrativen Visualität und der photographischen Evidenz ist dies die dritte Sichtbarkeit. Hier lässt sich der Mut, die Autonomie, die Verzweiflung der Auswanderer erahnen. Eine gefährliche Sichtbarkeit, die es zu verdunkeln gilt, hier wie in Frankfurt oder Roissy, in Ceuta oder Melilla.