| Prolegomena zu einer allgemeinen Greffologie |
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| Written by Uwe Wirth (Frankfurt/Berlin) | |
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"Die Griechen nennens emphuteuein, die Lateiner inserore, die Deutschen Impffen oder pfropffen", schreibt Johannes Coleri im Abschnitt "Pfropfen" seines 1620 erschienenen Hausbuchs Oeconomiae,
Versetzen, Einfügen, Einwachsen - das sind die Umschreibungen der Aufpfropfung als einer Agrartechnik, mit der seit der Antike im Obst- und Weinbau Pflanzen veredelt werden. 1.) die Zielvorgabe einer qualitativen und quantitativen Steigerung zugrunde - eben das ist ja die Pointe der Veredelung. Die Aufpfropfung ist also ein agrartechnisches respektive kulturtechnisches Dispositiv der Steigerung und der Steuerung. Werfen wir einen Blick auf diese Kulturtechnik. Kulturtechnik der Steigerung und Steuerung Oliver Allen schreibt in seinem Handbuch der Gartenkunde, das den prägnanten Titel Pfropfen und Beschneiden trägt:
Die Verbindung zwischen den beiden Teilen wird durch die Wundheilungskräfte des verletzten Kambiums hergestellt, also jener Schicht direkt unter der Rinde, die den eigentlich lebendigen Teil eines Baumes ausmacht. Das heißt, das verletzte Kambium der Unterlage muß mit dem verletzten Kambium des Pfropfreises unmittelbar in Berührung kommen. Die Voraussetzung hierfür ist der Einsatz spezieller Werkzeuge, ich erwähne hier nur das sogenannte Kopuliermesser, mit dem sowohl in die Unterlage als auch in den Reis paßgenaue Kerben geschnitten werden. Ob die Aufpfropfung indes gelingt, hängt von einer Reihe weiterer Faktoren ab. Hertwig macht dies in seiner Allgemeinen Biologie (1923) in erster Linie von der "vegetativen Affinität" der Pflanzenteile abhängig, also vom Verwandtschaftsgrad der Gewebezellen. Hertwig zufolge kann man
Herstellen von Übergängen Anders gewendet: Die Aufpfropfung ist eine Figur des Wissens für die Organisation eines Dazwischen und zugleich eine Funktionsmetapher für das Herstellen von Übergängen. Um nur den offensichtlichsten zu nennen: Der Übergang zwischen Natur und Kultur. Die Aufpfropfung kann aber auch zur Metapher für Übergänge zwischen verschiedenen Kulturen, Körpern oder Texten, ja, sie kann zu einer theologischen Figur für den Übergang vom Diesseits ins Jenseits werden. So schreibt Johann Domitzer im Vorwort seines Pflanzbüchleins aus dem Jahre 1529, dieses Buch sei nicht nur dazu nütze, das "Ackerwerck" und die "Pelzung der Bäum" zu erlernen, sondern in der "ympfung der Bäum" werde uns ein Exempel der "Form und Gestalt" des Glaubens und der Liebe gegeben.
Schließlich steht die Aufpfropfung für eine bestimmte Form der Konfiguration. Das Herstellen von Übergängen wird dabei nicht als linearer, kausaler Entwicklungsprozeß beschrieben, sondern als Prozeß der Rekontextualisierung und der Interferenz. Beim Pfropfen wird - wie bei jeder Form der Transplantation - ein Körper mehr oder weniger gewaltsam aus seinem Ursprungskontext herausgebrochen und als Fremdkörper in einen anderen Kontext manövriert. Dieses Manöver impliziert eine Interferenz von natürlichen und künstlichen Prozessen: Einerseits wird der Pfropfreis von der natürlichen Wurzel der Unterlage als Nahrung versorgt, andererseits ist der Reis der obere Teil "einer von Menschenhand geschaffenen Pflanze" (Allen 1980, 62). Einerseits bleiben die beiden zusammengesetzten Pflanzenteile als Individuen erkennbar, andererseits entsteht durch die Verwachsung eine neue Pflanzenart. In der Encyclopédie wird die Aufpfropfung daher unter dem Lemma "Greffe" als "Triumph der Kunst über die Natur" ("triomphe de l'art sur la nature") bezeichnet. Um eine neue Pflanzenart herzustellen, zwingt man die Natur ("on force la nature") ihre Formen zu ändern ("changer ses formes") und fügt ihr das Gute, das Schöne und das Große hinzu ("suppléer"). (D'Alembert 1757, 921f.). Interferenz und Modulation Das Erzeugen einer neuen Pflanzenart impliziert eine Transformation, ja eine Modulation im Sinne eines Rahmenwechsels (vgl. Goffman 1996, 55), der durch die Interferenz von verwurzelter Unterlage und hinzugefügtem Pfropfreis zustande kommt. Der supplementäre Charakter des Pfropfreises bezieht sich dabei nicht nur auf das Hinzufügen respektive Einfügen eines Fremdkörpers, sondern auch auf eine Erweiterung und Steigerung von Möglichkeiten, die durch das Wechselspiel von Interferenz und Modulation zustande kommt. In eben diesem Sinne schreibt Georg Simmel in seinem Essay "Vom Wesen der Kultur":
Die durch "allerhand Beeinflussung" bewirkte Kultivierung zur Eßbirne kommt, daran läßt die einschlägige Ratgeberliteratur für den Obstgärtner keinen Zweifel, in erster Linie durch Aufpfropfung zustande. Dies ist insofern von Bedeutung, als das botanische Birnen-Beispiel von Simmel als Metapher auch für den Kultivierungsprozeß des Menschengeschlechts angeführt wird, das
Der Punkt, an dem diese Ablösung von den ursprünglichen Entwicklungskräften stattfindet, bezeichnet für Simmel "die Grenze des Naturzustandes gegen den Kulturzustand" (ebd.). Zugleich bezeichnet dieser Punkt aber auch den Eingriff des menschlichen Intellekts, der die ursprünglichen, wilden Kräfte der Wurzel durch die Technik der Aufpfropfung kanalisiert und verstärkt. Die Grenze zwischen Naturzustand und Kulturzustand wird also maßgeblich durch die Praktiken des Pfropfens bestimmt. Warburgs Umverpflanzung von Jean Pauls Metapher Während die Aufpfropfung bei Simmel nur als implizit wirksame, rückschlüssig zu ermittelnde, Grundfigur angenommen werden kann, führt Aby Warburg die Aufpfropfung explizit als Metapher einer kulturwissenschaftlichen Betrachtungsweise ein. Nachdem er in "Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten" (1920) die "klassisch-veredelte, antike Götterwelt" erwähnt, die uns seit Winckelmann "so sehr als Symbol der Antike überhaupt eingeprägt [sei], daß wir ganz vergessen [hätten], daß sie eine Neuschöpfung der gelehrten humanistischen Kultur ist", zitiert Warburg eine Passage aus Jean Pauls Vorschule der Ästhetik. Die Epoche des Humanismus sei, so schreibt Warburg,
Das 'Impfen' steht - wie oben bereits erwähnt - für den Vorgang des Pfropfens. Bei Jean Paul wird die Impf-Metapher dazu verwendet, eine andere Metapher zu erläutern, nämlich seine Redeweise vom "Doppelzweig des bildlichen Witzes" (Jean Paul 1975, 184), der entweder "den Körper beseelen oder den Geist verkörpern" kann: Ein Doppel-Tropus, der Jean Paul zufolge, "ursprünglich", als "der Mensch noch mit der Welt auf einem Stamme geimpfet blühte", noch keiner war, da dies eine Zeit gewesen sei, in der die Metaphern "nur abgedrungene Synonyme des Leibes und Geistes" waren (ebd.). Hier sind nun gleich drei Punkte bemerkenswert:
Zweitens wird die Doppel-Pfropfung auf einen Stamm von Warburg zu einer epistemischen Metapher aufgewertet, wenn er behauptet, "in der kulturwissenschaftlichen Darstellung solcher Polarität [lägen] bisher ungehobene Erkenntniswerte" (Warburg 1998, 492). Die Aufpfropfung wird hier zu einem kulturwissenschaftlichen Darstellungsmodell von Polaritäten, die sich aus der gleichen Wurzel nähren, ohne daß es eine natürliche Verbindung zwischen Wurzel und Reis gibt. Das heißt, die Aufpfropfung wird hier zu einer Darstellungsfigur von Gleichzeitigkeiten, Verschiedenartigkeiten, Brüchen und Schnittstellen. Drittens ist erstaunlich, wie sich das Zitament im Akt des Zitierens unter der Hand - nämlich unter der zitierenden Hand Warburgs - verändert. Aus dem Doppel-Tropus Beseelen/Verkörpern, der bei Jean Paul an die metaphorische Sprechweise rückgebunden war, wird bei Warburg das assoziierte Paar Metapher und Tropus. Das heißt, Warburg gruppiert die bei Jean Paul vorgefundenen Begriffe um, ja er nimmt im Akt des Zitierens selbst einen Akt der Aufpfropfung vor. Zitat als Propfung Eben dies ist die zentrale These Derridas in epochemachenden Aufsatz "Signatur Ereignis Kontext", nämlich daß das Zitieren als Pfropfung, als greffe citationelle gefaßt werden muß (Derrida 2001, 32), eine These, die Derrida in La Dissémination ganz allgemein aufs Schreiben ausdehnt, wenn er behauptet: "Écrire veut dire greffer. C´est le même mot" (Derrida 1972, 431). Bleiben wir beim Zitieren. Die greffe citationelle ist für Derrida die Metapher für die "wesensmäßige Iterabilität" der Zeichen (Derrida 2001, 27), die sowohl ihre Identifizierbarkeit als auch ihre Rekontextualisierbarkeit sichert. Iterabilität heißt, daß jedes Zeichen "mit jedem gegebenen Kontext brechen und auf absolut nicht sättigbare Weise unendlich viele neue Kontexte zeugen" kann (S.32). Diese "Kraft zum Bruch" des Zeichens mit einer syntagmatischen Verkettung eröffnet die Möglichkeit, dem Zeichen neue Funktionsweisen zuzuerkennen, indem man es "in andere Ketten einschreibt oder es ihnen aufpfropft". (Derrida 2001, 27f.). Nun ist die Tatsache, daß Derrida die Aufpfropfung als Metapher für das Zitieren einführt, an sich noch nicht sonderlich außergewöhnlich. Immerhin gibt es eine lange Tradition, die Aufpfropfung im Rahmen poetologischer und poetischer Diskurse als Metapher für die sekundären Praktiken des Zitierens, Kopierens und Nachahmens zu verwenden - entsprechende Äußerungen finden sich u.a. bei Shaftesbury, Young und natürlich bei Jean Paul. Auch im literaturwissenschaftlichen Diskurs ist die Aufpfropfungsmetapher keineswegs unbekannt, so untersucht Antoine Compagnon in seinem Buch La seconde main ou le travail de la citation detailliert die "geste archaïque du découper-coller" (Compagnon 1979, 17), durch die sich die greffe als Transplantation im botanischen wie im chirurgischen Sinne auszeichnet, und Gérard Genette verwendet die greffe in Palimpsestes als Metapher für intertextuelle Überlagerungen (Genette 1982, 11).
Hier offenbart sich die strategische Pointe, die Derrida mit der Einführung der Aufpfropfung als Gegenmetapher zum Parasitären glückt: Mit der greffe citationelle wird eine Umwertung des Begriffs parasitärer Sprachverwendung möglich: Die negativ konnotierte 'Auszehrung' des Stammes wird zur positiv konnotierten 'Veredelung' der Unterlage. Die Aufpfropfung führt gerade nicht zur Entkräftung des Stammes, sondern zu einer Potenzierung der Wachstumskräfte, die Stamm und Pfropfreis miteinander verbinden. Darüber hinaus liegt die Relevanz der Aufpfropfung als Argumentationsfigur darin, daß die Gelingensbedingungen des Pfropfens - ganz im Gegensatz zu den konventionalen, quasi-notwendigen Gelingensbedingungen der Sprechakttheorie - von kontingenten Kontextfaktoren und vom Treiben unkontrollierbarer Wachstumskräfte abhängig sind. Um noch einmal aus dem - übrigens auch für die Derrida-Lektüre recht nützlichen - Garten-Ratgeber Pfropfen und Beschneiden zu zitieren:
Epistemische Kontingenzen Diese Kontingenz ist zugleich ein Indiz für den Experimentalcharakter der Praktiken des Pfropfens. Möglicherweise ist es eben dieser Aspekt, der Hans-Jörg Rheinberger dazu veranlaßt hat, den Aufpfropfungsbegriff in den wissenschaftshistorischen Diskurs einzuführen, und zwar als epistemische - in diesem Fall darf man fast schon sagen epistemologische - Metapher für das Funktionieren von Experimentalsystemen. Nach Rheinberger geht es darum, "den Prozeß der wissenschaftlichen Aktivität als einen Prozeß der Erzeugung, Verschiebung und Überlagerung von Spuren zu begreifen" (Rheinberger 1997, 266), wobei sich das Experimentalsystem als Spiel von Differenzen und Oppositionen realisiert - ein Spiel, in dessen Verlauf es zu ständigen Verschiebungen und Verlagerungen der Grenzen eines Experimentalsystems kommt, sobald es auf ein anderes Experimentalsystem trifft. Was dann vorgeht, läßt sich, wie Rheinberger in "Historialität, Spur, Dekonstruktion" schreibt,
Ein Modell, das Rheinberger auf die Arbeit in und mit Experimentalanordnungen überträgt. Der Pfropf erscheint nicht nur als "besondere Art von Überschuß", nämlich "als Einwuchs", sondern sein "Funktionieren als Pfropf" zeigt auch die Eignung der Unterlage an, "den Einwuchs aufzunehmen" (ebd.). Demzufolge läßt sich die Interferenz von Experimentalsystemen - ebenso wie die durch ein einzelnes Experimentalsystem implementierte Anordnung zur "Herstellung von Wissenschaftsobjekten" - als Prozeß der Aufpfropfung beschreiben. In eben diesem Sinne kommt die Aufpfropfung als Figur des Wissens ins Spiel, die Wissen konfiguriert. Ich möchte abschließend einen kleinen Ausblick wagen: Rekonfigurierungen des Wissens Während Derrida in "Signatur Ereignis Kontext" eine "differentielle Typologie von Iterationsformen zu konstruieren" (Derrida 2001, 40) propagierte, möchte ich vorschlagen, eine differenzierte Typologie zu erstellen, wie die Aufpfropfung als Figur des Wissens in Dienst genommen wird. Dabei wird sich zeigen, daß die greffe citationelle gleichermaßen als kultur- und mediengeschichtliche Trope fungiert, die als Figur der Interferenz auch die Schnittstellen zwischen Kultur- und Medientheorie markiert. Bereits Marshall McLuhan stellte in Understanding Media die These auf, daß durch "Kreuzung oder Hybridisierung von Medien [...] gewaltige neue Kräfte und Energien frei [werden]" (McLuhan 1964, 84). In eben dieser Potentialität zur Steigerung von Möglichkeiten besteht die dispositive Funktion der Aufpfropfungsmetapher. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen gilt es, die Aufpfropfung im Spannungsfeld von Dispositiv - Träger – Prozeß (vgl. Debray 1999, 72) zu untersuchen. Dabei sollte es freilich nicht nur darum gehen, die Aufpfropfung als mediale respektive mediologische Metapher zu entfalten - vielmehr sollte man das Projekt einer allgemeinen Greffologie ins Auge fassen, mit der sich die sowohl die Bruch- und Schnittstellen als auch die 'Veredelungsstellen' von kulturellen und medialen Prozessen der Pfropfung thematisieren lassen. Damit ist die Aufpfropfung als mediale Metapher ebenso angesprochen, die Aufpfropfung als poetologische und poetische Metapher für die Absorption und Transformation von Texten bzw. für das Verhältnis von Kopie und Original (vgl. Wirth 2004, 18). Schließlich fungiert die Aufpfropfung aber auch als Modell interkultureller Beziehungen, insbesondere überall dort, wo im Rahmen der Postcolonial Studies von Hybridität geredet wird. So besehen besteht das Projekt einer allgemeinen Greffologie darin, die Gelingensbedingungen von artifiziellen Hybridisierungsprozessen unter einem medien- und kulturwissenschaftlichen Blickwinkel zu sondieren, aber natürlich auch die mehr oder weniger komischen 'Unglücksfälle'.
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D´Alembert, Jean Le Rond und Diderot, Denis (Hg) (1757): Encyclopédie, Bd. 7, Paris. Allen, Oliver E. (1980): Pfropfen und Beschneiden. Time-Life Handbuch der Gartenkunde, Amsterdam. Austin, John Langshaw (1975): How to do Things with Words (1962), Oxford. Austin, John Langshaw (1979): Zur Theorie der Sprechakte, deutsche Bearbeitung von Eike von Savigny, Stuttgart. Coleri, Johannis (1620): Oeconomiae oder Hausbuchs erster Theil, Wittenberg. Compagnon, Antoine (1979): La Seconde Main ou le Travail de la Citation, Paris. Debray, Régis (1999): "Für eine Mediologie", in: Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, hg. von Claus Pias, Joseph Vogl, Lorenz Engell, Oliver Fahle und Britta Neitzel, Stuttgart, S.67-75. Derrida, Jacques (2001): "Signatur Ereignis Kontext" (1972), in: Limited Inc. Aus dem Französischen von Werner Rappl, Wien, S.15-45. Derrida, Jacques (1995): Dissemination, Wien. Derrida, Jacques (1972): La Dissémination, Paris. Domitzer, Johann (1529): Ein newes|| Pflantzbüchlein/|| Von mancherley|| artiger Pfropffung vnd|| Beltzung|| der Bawm.|| M.D.xxix., Wittenberg. Genette, Gérard (1982): Palimpsestes, Paris. Goffman, Erving (1996): Rahmen-Analyse, Frankfurt. Hertwig, Oscar (1923): Allgemeine Biologie, Jena. Jean Paul (1975): Vorschule der Ästhetik (1804), in: Werke in zwölf Bänden, Bd. 9, hg. v. Norbert Miller, München. McLuhan, Marshall (1994): Understanding Media. Dresden 1994 (1964), S. 84. Rheinberger, Hans-Jörg (1997): "Von der Zelle zum Gen. Repräsentation der Molekularbiologie", in: Räume des Wissens, hg. v. ders., Berlin, S.265-279. Rheinberger, Hans-Jörg (1992): Experiment Differenz Schrift. Zur Geschichte epistemischer Dinge, Marburg an der Lahn. Simmel, Georg (1997): "Vom Wesen der Kultur", in: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Gesamtausgabe Bd. 8, hg. v. A. Cavalli und V. Krech, Frankfurt, S.363-372. Warburg, Aby (1998): "Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten" (1920), in: Die Erneuerung der heidnischen Antike. Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Geschichte der europäischen Renässance, Gesammelte Schriften. Erste Abteilung. Band 1.2, Berlin, S.490-558) Wirth, Uwe (2004): "Original und Kopie im Spannungsfeld von Iteration und Aufpfropfung", in: Originalkopie. Praktiken des Sekundären, hg. v. Gisela Fehrmann, Erika Linz, Eckhard Schumacher und Brigitte Weingart, Köln, S.18-33.
Abbildungsnachweis: 1) University of Oxford (Courtesy) 2) und 3) Forschungsanstalt für Gartenbau, FH Weihenstephan (Courtesy) 4) aus: Petrus De Crescentiis: Vom Ackerbaw (1535) 5) "Les deux sont un" (Pfropfender Amor), aus: Emblemata Amatoria (1608). Emblem Project Utrecht (Courtesy)
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Die Aufpfropfung ist ein Verfahren, um durch eine nicht-sexuelle Form der künstlichen Fortpflanzung Pflanzen zu hybridisieren. Ein Verfahren, das gleich in mehreren Hinsichten dem Prinzip der Ökonomie gehorcht, denn ihm liegt:
Bei der Aufpfropfung handelt es sich offensichtlich um eine Praktik, die im Rahmen eines "Experimentalsystems" stattfindet (vgl. Rheinberger 1992, 16). Da das Pfropfen, Okulieren und Transplantieren experimentellen Charakter hat, implizieren es eine Herangehensweise, die man als biologische bricolage bezeichnen könnte. Dabei bringt die Kulturtechnik des Pfropfens einen Begriff der Schnittstelle ins Spiel, der ein weites Feld kulturwissenschaftlicher und medientechnischer Implikationen eröffnet. Die Schnittstelle steht, um es sehr allgemein zu formulieren, für die Notwendigkeit, ein 'Dazwischen' zu organisieren: Die Frage ist nun, wie diese Organisation des Dazwischen im Rahmen der verschiedenen Diskurse, in denen die Aufpfropfung als Metapher vorkommt, beschrieben wird.
Erstens scheint es sich bei der hier in Dienst genommenen Metapher des Impfens um eine besondere Form der Aufpfropfung zu handeln, bei der auf einen Stamm zwei verschiedene Reiser implantiert werden. Mensch und Welt bei Jean Paul, Logik und Magie bei Warburg. Damit stellt sich bei Jean Paul wie bei Warburg zugleich die Frage nach dem Stamm. Bei Jean Paul ist es offensichtlich ein sprachlicher Stamm, nämlich eine ursprüngliche, metaphorische Redeweise. Bei Warburg scheint der Stamm dagegen eher mit einem Epochenbegriff assoziiert zu sein, dessen zeitliche Ränder unbestimmt, bzw. variabel bestimmbar sind - ein Epochenbegriff, der sozusagen zurecht gesägt werden kann. Ein Epochenbegriff aber auch, der durch nachträgliche Einprägungen - Stichwort Winkelmann - inhaltlich re-definierbar ist. Man könnte sagen: Das, was für die Epoche der Antike als prägend angenommen wurde, ist ihr nachträglich durch Winkelmann interpretativ aufgepfropft worden.
Die Bedeutsamkeit von Derridas Indienstnahme des Aufpfropfungsbegriff liegt meines Erachtens woanders, nämlich darin, daß er ihn im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit Austins Sprechakttheorie als implizite Argumentationsfigur ins diskursive Spiel bringt. Um es nur kurz anzureißen: Nach Austin verlieren Sprechakte ihre kommunikative Funktion, ihre illocutionary force, sobald sie zitiert oder rezitiert werden. Durch diesen Szenenwechsel (sea-change) erfahren sie sozusagen eine illokutionäre Entkräftung. Zitieren und Rezitieren werden von Austin als unernste Formen eines parasitären Gebrauchs gekennzeichnet und aus der Untersuchung der normalen Sprechakte ausgeschlossen. Sie fallen in ein anderes Wissensgebiet, das Austin ironisch als "Lehre der Auszehrung" (doctrine of etiolations) bezeichnet (Austin 1979, 43f. und Austin 1975, 22). Der Begriff der etiolation steht für die Schwächung von Pflanzen durch die sogenannte Vergeilung. Das bedeutet, daß die Stengel "ins Kraut schießen", saft- und kraftlos werden, und deshalb keine Frucht mehr tragen. Der Tenor der Metapher vom parasitären Gebrauch ist also die Assoziation von Saft und Kraft. Der Parasit lebt vom Saft seiner Wirtspflanze, deren Kraft er dadurch schwächt. 