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Sevillas Casa de la Contratación im Siglo de Oro: Schleuse zwischen Alter und Neuer Welt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Bernhard Siegert (Weimar)   

Am 20. Januar 1503 verfügten die Katholischen Könige zu Alcalá de Henares die Gründung der Casa de la Contratación de las Indias in Sevilla. Die Entscheidung von Ferdinand und Isabella bewirkte den Aufstieg Sevillas zu einem der prächtigsten und größten urbanen Aktionszentren Europas. Als einziger autorisierter Hafen für den Transatlantik-Handel war die andalusische Hauptstadt der Flaschenhals, durch den nicht nur der gesamte Handel mit den „Indias“, sondern auch der gesamte offizielle Verkehr zwischen den spanischen und den überseeischen Regierungsbehörden abgewickelt wurde, den kirchlichen wie den weltlichen.[1]

Sevilla ist das Tor zu einer anderen Welt, der Guadalquivir der „río América“. Sevilla, schrieb der Zeitgenosse Mateo Alemán in seinem Leben des Guzmán de Alfarache, ist „das Meer, das alles schluckt und in dem alle Flüsse enden“. Alemán greift mit diesem Bild eine Metaphorik auf, der sich zeitgenössische Stadtbeschreibungen Sevillas gerne bedienten: Sechs Flüsse, schrieb der Humanist Juan de Malara anläßlich des Besuchs Philipps II. in Sevilla im Jahre 1570, fließen nach Sevilla: ein Fluß aus Gold, ein Fluß aus Öl, einer aus Wein, einer aus Honig, einer aus Milch und einer aus Wasser. Alonso Morgado fügte in seiner Historia de Sevilla noch zwei hinzu, einen Fluß aus Zucker und einen aus Silber, wobei es die Gold- und Silberflüsse seien, welche Sevilla mit Peru und Neuspanien verbänden. Alemán rechnet jedoch diesen Flüssen, die sich nach Sevilla ergießen, noch einen weiteren hinzu: einen Strom von Menschen, einen Strom von Entwurzelten. Schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts war die andalusische Hauptstadt ein urbanes Zentrum mit ungefähr 65.000 Einwohnern gewesen. Am Ende des Jahrhunderts ist Sevilla jedoch eine Stadt mit mehr als 130.000 Einwohnern, eine größere Stadt als zum Beispiel Rom oder Antwerpen.

Die Casa befand sich im ältesten Teil der Alcazares, in den Räumen der im Jahre 913 unter muslimischer Herrschaft gebauten Casa del Gobernador, dem später sogenannten Al-Muwarak oder El Alcázar de la bendición. Räume einer symbolträchtigen Vergangenheit. Was man heute davon noch sehen kann, liegt im Garten der Consejería de Obras Publicas y Transportes, einer Behörde der andalusischen Pronvinzialregierung. Das „Handelshaus“ hatte zunächst nur die Aufgabe, den Überseehandel mit der Neuen Welt zu regeln. Aber schon wenige Jahre später wuchsen dem Handelshaus weitere Funktionen zu. Neben den wissenschaftlichen Aufgaben, die die Casa zu erfüllen hatte und die 1552 in der Schaffung eines Lehrstuhls für Kosmographie und Navigationskunst an der Casa gipfelten, hatte das Handelshaus auch mehr und mehr juridische Funktionen zu übernehmen. Die „Richter-Beamten“ der Casa übten die gesamte zivile Gerichtsbarkeit und bis zu einem gewissen Grade auch die Strafgerichtsbarkeit über Kapitäne, Mannschaften und Passagiere aus. Ab einem bestimmten Zeitpunkt besaß die Casa ihr eigenes Untersuchungsgefängnis.

1503 war die Casa zum einen ein Magazin, wo sämtliche Waren, die nach „las Indias“ gingen, und sämtliche Waren, die von „las Indias“ nach Spanien kamen, sich unter dem Blick eines staatlichen Beamten manifestieren mußten, und zum andern eine Zollstation, wo man eine dem kommerziellen Monopol der Casa entsprechende Kontrolle aus fiskalischer Perspektive ausüben konnte. Das Personal, mit dem die Geschichte der Casa begann, bestand nicht aus Juristen oder Chronisten, sondern aus Buchhaltern. Ein Factor, ein Tesorero und ein Escribano-Contador: das waren die ersten Beamten der Casa. Und alle drei „führen ihre Hauptbücher (libros encuadernos)“, in welche sie „todas las cosas“ hineinschreiben, die sie kaufen, abschicken und in Empfang nehmen. Hier wurde zunächst nicht erzählt und geurteilt, sondern gezählt und verbucht: Waren, Geld, Menschen und die Schiffe selbst. Aufschlußreich ist die Unsicherheit der Gründungsordenanzas der Casa über die Bezeichnung des dritten Funktionärs: „contador o escribano“. Schreiben ist gleich zählen und zählen ist gleich schreiben. Alles, was ist, läßt sich in Eingangs- und Ausgangsspalten eintragen. Alles, was die acht beziehungsweise neun Flüsse, die durch Sevilla fließen, mit sich führen, ist dem „Cargo y Data“ unterworfen, wird empfangen oder ausgegeben. Nicht nur Brot, Wein, Öl, Zucker, Waffen und Edelmetalle - auch Leute und Schiffe. Dementsprechend ist der Contador nicht nur für die Rechnungsbücher verantwortlich, sondern auch für die „Register der Schiffe, die nach den Indias abgehen und von dort kommen“.

Einlaufende Schiffe werden (mit dem Namen des Schiffes und dem des Kapitäns) unter der Überschrift „Registro de venida“, auslaufende unter die Überschrift „Registro de yda“ gebucht. So sind die ersten Akten, die in der Casa archiviert werden, Quadernos, Passagierlisten und Schiffsregister. Spaniens Amerika ist eine besondere Welt: eine Welt, in der alles abgezählt ist: Waren, Leute, Schiffe, Bücher... Die Casa ist eine staatliche Kontrollinstanz, die die zirkulierenden Dinge zwingt, ihr Sein zu manifestieren. Gleichzeitig mit der Gründung in Sevilla wurde übrigens auf der Insel Española ein Gegenstück geschaffen, eine Casa, die mit der Casa in Sevilla korrespondieren sollte und die Passage zu einem am Anfang und am Ende staatlich kontrollierten Kanal machen sollte.

Nichts, heißt es in einer Provisión Ferdinands vom 26. Juli 1511, soll zwischen dem einen Teil des Imperiums und dem anderen getauscht werden, weder Waren noch irgendwelche anderen Sachen sollen zwischen dem einen und dem anderen Teil hin und hergeschickt werden, ohne daß sie sich zuerst manifestieren in unseren Casas de la Contratación.

Für einen kurzen Aufenthalt im Magazin wird der Tausch unterbrochen, um die Dinge selber, die sonst durch manipulierbare Zeichen vertreten (und verwandelt) werden, erscheinen zu lassen. Was für eine einfache Ordnung: Hier, im Büro, das Buch der (Neuen) Welt, dort, im Magazin, die Dinge der (Neuen) Welt. Les mots et les choses. Die Casa ist eine Institution, die - im Sinne Blumenbergs - die Symmetrie des Buches der Worte Gottes mit dem Buch der Werke Gottes garantiert. In dem kurzen Moment, in dem was auch immer durch den Zwischenspeicher der Casa geschleust wird, wird durch den kontrollierenden Blick geprüft und besiegelt, daß das, was die flottierenden Zeichen in der Zirkulation vertreten, wirklich existiert. Damit nichts in der Neuen Welt sei, dem nicht ein wirklicher Referent entspricht: kein Betrug, keine Fiktion. Als sei der Guadalquivir eine Art katechontische Barriere, die den Export der babylonischen Sprachverwirrung in die Neue Welt aufhalten sollte. Inmitten einer Stadt, die laut Luis Vélez de Guevara als „das Neue Babylon“ galt, hat die Casa die Aufgabe, Amerika vor dem Fluch des Großen Anderen zu bewahren. God’s own country, wo es keine Wörter gibt, die ins Leere weisen. Deshalb kontrollierte die Casa auch die Bücher, die nach Amerika fuhren. Seit 1531 war die Ausfuhr „lügnerischer“ Texte - insbesondere von Ritterromanen wie dem Amadiz - verboten.

Hier ist der Ort, wo die Dinge und die Sprache zur Deckung gebracht werden, ohne Rest. Alles, was in die Neue Welt will, muß durch diesen Flaschenhals, muß in diesen Lichtkegel treten, um registriert zu werden. Nichts kommt in die Neue Welt, was nicht im Großen Buch der Welt in der Casa de la Contratación in Sevilla verzeichnet ist. In Michel Serres’ Worten: „Wer diesen Ort hält, läßt von dort aus Aufteilungen und Dichotomien hervortreten”: cristianos viejos oder nuevamente convertidos, Siedler oder Abenteurer, ledige oder verheirate Männer, zum Export zugelassene oder nicht zugelassene Waren. Sevilla als Binnenhafen und als Kapitale des Südens erleichterte die Aufsicht über alles, was nach Amerika wollte: Waren, Personen, Waffen, Bücher usw. Der Guadalquivir wurde vom Torre de Oro in Sevilla bis zur barra von Sanlúcar de Barrameda im 16. Jahrhundert zum Ort eines veritablen rite de passage. Die natürlichen Eigenschaften einer Wasserstraße - die die Passage in zwei Richtungen (den Strom hinab und hinauf) vorschreiben und begünstigen, aber in die Richtungen quer zum Strom (zwischen Strom und Ufer) nur in eingeschränktem Maße erlauben -, bilden im Fall des Guadalquivir die Gelegenheit für ein Regime von Prüfungen und Kontrollen, das dem maritimen Verkehr auferlegt wird und das das Verlassen Europas zu einem Ritual macht. Ein Fluß ist ein natürlicher Flaschenhals zwischen Land und Meer, er gewährt einen Aufschub zwischen dem Moment des Ablegens vom Land und dem Gewinnen der offenen See, er stellt eine korridorförmige Schleuse dar. Imperien, deren Macht auf Kontrolle und Überwachung beruht, lieben Flaschenhälse, Korridore und Schleusen aller Art. Eine direkt am Meer gelegene Stadt wie Cádiz hätte die Kontrolle der Schiffe wesentlich schwieriger gestaltet. Zwischen der zona portuaria von Sevilla und der Mündung des Guadalquivir liegen dagegen 84 km Flußlauf, auf dem die Casa de la Contratación ein ausgeklügeltes Visitationssystem für auslaufende Schiffe errichtete.

Jedes Schiff mußte drei visitas durchlaufen. Die erste wurde vom General de la Armada y los Visitadores de Naos vorgenommen und fand statt, wenn das Schiff noch ohne Ladung im Guadalquivir vor Anker lag. Der „oficial“ der Casa de la Contratación begutachtete den allgemeinen Zustand des Schiffes, den Zustand der Takelage und der übrigen Ausrüstung inklusive der Bordinstrumente und bezeichnete notwendige Reparaturen. Bei dieser Gelegenheit mußte der Kapitän unter Eid schwören, keine Passagiere an Bord zu nehmen, die keine von der Casa oder der Krone ausgestellte Erlaubnis vorweisen konnten.

Für die zweite visita war der contador der Casa verantwortlich; sie fand statt, nachdem das Schiff beladen worden war und bereit, sich auf den Weg flußabwärts zu machen, oder - falls das Schiff erst in Sanlúcar beladen wurde - in der Mündung des Guadalquivir. Ihr Zweck war, zu überprüfen, ob das Schiff überladen war, ob die Waren und die Personen an Bord mit den entsprechenden Warenverzeichnissen bzw. Passagierlisten übereinstimmten und ob die bei der ersten visita angemahnten Reparaturen ausgeführt worden waren. Außerdem wurde die Bewaffnung und die Munition inspiziert.

Es hat wohl einen ganzen Geschäftszweig in Sevilla gegeben, der an die Kapitäne Schiffsausrüstungen, vom Anker bis zur Takelage, Schauspieler und Matrosenkostüme vermietete. Auf diese Weise konnten die Kapitäne für die Augen des contadors die Seetüchtigkeit ihrer Schiffe gemäß den Auflagen der Casa de la Contratación vorgaukeln, um die zweite Visitation zu passieren. War man aus dem Blickfeld der Visitatoren verschwunden, lieferte man die geliehenen Sachen und „Matrosen“ einfach wieder ab.

Die dritte visita wurde im Hafen von Sanlúcar praktisch während des Segelsetzens von einem hohen Beamten der Casa durchgeführt; sie konzentrierte sich in erster Linie auf die Suche nach Schmuggelware und illegalen Passagieren. Die Hafenbeamten überprüften anhand der Passagierlisten, ob sich tatsächlich nur Passagiere mit Lizenzen auf den Schiffen befanden.

Wir befehlen den Inspektoren und Contadores der Armada und der Flota, dass sie bei den visitas, die man auf dem Meer auf den Schiffen der Galeones und Flotas machen soll, besonders darauf achten, alle zu untersuchen und festzustellen, die auf jedem Schiff fahren und diejenigen zu ergreifen, die keine Lizenz besitzen.

Erst nach dieser letzten visita wurde ein Zertifikat auf den Waren und Passagierregistern eines jeden Schiffs angebracht. Seit 1518 spätestens durfte keine Zivilperson in die Neue Welt reisen, ohne eine von der Casa oder dem König ausgestellte schriftliche Erlaubnis, die sogenannte „licencia”. Seit den vierziger Jahren schien Karl V., vor allem aber „El principe”, der (bereits an der Regierung beteiligte) zukünftige König Philipp II., zunehmend beunruhigt zu sein von dem Fehlen einer jeglichen Möglichkeit, die Angaben zu überprüfen, die die Passagiere machten, die in die Casa de la Contratación kamen, um eine Lizenz zu beantragen. Ab 1535 gibt es Hinweise auf Zeugenverhöre, sogenannte „interrogatorios”, die die legitime Abkunft der Passagiere bezeugen sollten. Zu voller Größe wuchs die Kontrollmaschinerie dann schließlich durch eine Real Cédula Philipp II. vom 5. April 1552 heran:

Von jetzt an gestatten die Juezes Oficiales keinem Passagier mehr, in irgendeinen Teil der Indias zu passieren..., ohne daß sie [die Passagiere] Informationen mitbringen und vor ihnen präsentieren, die sie an ihren Heimatorten eingezogen haben, durch welche sie urkundlich festellen lassen, ob sie verheiratet oder ledig sind, und die [körperlichen] Kennzeichen und ihr Alter, und daß sie keine Neukonvertierten weder vom Judentum noch vom Islam zu unserem Heiligen Katholischen Glauben sind noch deren Kinder, daß sie keine reconciliados sind und weder Kinder noch Enkel von Personen, die öffentlich das Büßerhemd getragen haben, und weder Kinder noch Enkel von Verbrannten oder wegen Häresie Verurteilten [...] nebst einer Bestätigung des Gerichts der Stadt, des Fleckens oder dem Ort, wo derlei Information gemacht worden ist, in welcher man förmlich erklärt, ob die Person, die auf diese Weise derlei Informationen gegeben hat, frei oder verheiratet sei.

Weil die spanische Krone das Schicksal derer, die in die Neue Welt entkommen wollten (wem oder was auch immer), mit der Schrift verband, türmten sich in den Archiven der Casa tausende und abertausende von Akten. Die Mobilität des „Passagiers” muß unterschieden und geschieden werden von der Mobilität der Nicht- oder Scheinchristen, aber auch von der gefährlichen Mobilität der Krieger/Abenteurer/Vagabunden; das aber kann nur geschehen, indem die Mobilität des Passagiers vollständig der Schrift, ihren Agenten (den letrados), ihren Institutionen (Casa de la Contratación und Inquisition) und ihrer Macht, sichtbar zu machen, zu identifizieren, zu authentifizieren und zu legitimieren, unterworfen wird. Zum Gefangenen der Überfahrt wird man, indem man zu allererst zum Gefangenen der Schrift wird. Jeder, der nach „las Indias” reisen will, muß hier mit den „informaciónes” und „fees” und „testimonios” aus seiner Heimat, die über seine Person Auskunft geben, vor die Richter-Beamten der Casa treten.

Die Casa ist einer der Orte, an denen das Erzähltwerden, das Registriertwerden, das Beschriebenwerden aufhört, ein Privileg der Mächtigen zu sein, und beginnt, ein Mittel der Kontrolle zu werden. Sie ist einer der ersten Orte im frühmodernen Europa, wo juridische Prozeduren Tausende und Abertausende ganz gewöhnliche Existenzen zwangen, in schriftlicher Form vor einem Stellvertreter des Königs von ihren kleinen Anliegen zu sprechen und Rechenschaft abzulegen von ihrer Herkunft, ihrer Rechtgläubigkeit und ihrem anständigen Leben.

Die Casa ist die Große Schleuse und die Einzige Schleuse, die Engstelle zwischen Alter und Neuer Welt, den beiden Hälften der Sanduhr. Sie ist der Ort des Hermes. Mit Michel Serres wäre Hermes schlicht der  „Gott der Kreuzungen, er ist der Gott, den Maxwell zu einem Dämon gemacht hat.” Alles geht durch seine Hände. Indem er jene isolierte, einzigartige Stelle im Flaschenhals zwischen den beiden Hälften der Sanduhr einnimmt, ist er in der Lage, jedes Ding und jede Person, das/die nach Amerika geht oder von Amerika kommt zu identifizieren und zu registrieren.

Allerdings dürfte (nach den immer wiederkehrenden Klagen der Krone sowie nach der Anzahl der Prozesse gegen Kapitäne und den laufend verschärften Strafen zu urteilen) die Zahl der Passagiere, die ohne Lizenz die Inseln und das Festland der Neuen Welt erreichten, beträchtlich gewesen sein.

Trotzdem wir wiederholt angeordnet haben - heißt es in einer Real Cédula von Philipp IV. - daß niemand sich ohne ausdrückliche Lizenz mit den Armadas, den Flotas oder auf einzeln fahrenden Schiffen nach den Indias einschifft, hat man in großem Ausmaß die Erfahrung gemacht, daß viele Personen ohne diese notwendige Formalität dorthin reisen.

In der Regel wurden die Passagiere nach der letzten Visitation irgendwo an der Küste aufgenommen oder sie wurden als Soldaten oder Matrosen verkleidet.

Wie dem auch sei: Europa zu verlassen ist keine natürliche Handlung, die man zu jeder Zeit in der Menschheitsgeschichte hätte vollziehen können. Leif Erikson, der um 1000 n. Chr. von Grönland aus Nordamerika erreichte, hat Europa nicht verlassen. Europa verlassen ist eine Erfindung, mit der in Andalusien - dieser „Avant-Garde des jungen Europa” (Gottfried Liedl) - ein Grundmuster des Europäischen selbst erfunden wird. Von Andalusien aus gesehen hat Europa sich selbst erfunden durch die Einführung der Unterscheidung zwischen einer Alten Welt und einer Neuen Welt, was indes keine Unterscheidung ist, deren Erfolg allein durch die Macht der Druckerpresse zu erklären wäre. Es ist eine Unterscheidung, die gezogen wurde durch manifeste juridische Rituale und bürokratische Prozeduren, die die Grenze zwischen Land und Meer in eine Grenze zwischen seßhaften Menschen und Vagabunden, Christen und Nichtchristen, Gliedern des politischen Körpers und Parasiten am politischen Körper verwandelten. Die Grenze zwischen dem gekerbten und dem glatten Raum wurde zum symbolisch aufgeladenen Ort einer aufwendigen Reterritorialisierungsaktion.

Die Grenze zwischen Land und Meer war - seit es Schiffahrt gibt - ein mythischer Ort, der dazu herausfordert, die menschliche Existenz dem Gesetz der Götter zu entwinden und der armseligen menschlichen Technik zu überantworten. Ihre Überschreitung war daher seit Anbeginn der Seefahrt (also praktisch seit Anbeginn menschlicher Kultur) von unzähligen Ritualen und Sakralhandlungen begleitet. Die Geschicke der Passagiere in der Casa de la Contratación und auf dem Guadalquivir lehren: dieser Ort ist auch ein Ort der Medien - Grenze zwischen Speicherung und Löschung von Spuren. Oder besser gesagt: es ist der Ort des Dazwischen, der Tür oder der Schleuse, der Ort der Differenz, der allererst Speicherung und Löschung als oppositionelle mediale Operationen hervorruft. Die Schrift der Passagiere im Archiv der Passagen ist Bewahrung und Löschung zugleich: Bewahrung, Löschung und Bewahrung der Löschung.

 

 [1] Dieser Text beruht weitgehend auf meinem Buch: Passagiere und Papiere. Schreibakte auf der Schwelle zwischen Spanien und Amerika. München-Zürich 2006. Sämtliche Stellenangaben und Quellenhinweise, auf die hier verzichtet wurde, sind dort nachzulesen.

 

Abb. 1: Libro registro de pasajeros a Indias. Aus: Archivo General de Indias, hg. v. Pedro Ganzáles García. Barcelona-Madrid 1995, S. 146
Abb. 2: Vincentius Paletino Corsulensis: Spanienkarte (Ausschnitt), Stich und Druck: Hieronymus Cock (1553)
Abb. 3: Sevilla im Siglo de Oro. 
Abb. 4: Casa de la Contratación (Garten der Consejería de Obras Publicas y Transportes, Sevilla). Fotografie vom Verfasser, 2001 (nachbearbeitet).

 

 
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